© Muzeum Pałacu Króla Jana III w Wilanowie
Silva Rerum   Silva Rerum   |   19.02.2016

Kosaken – zwischen der Rzeczpospolita und Russland

Der Wandel, der nach dem Wiener Sieg auf den ukrainischen Gebieten erfolgte, die nach dem Friedensabkommen von  Żurawno (ukr. Schurawno) im Jahre 1676, bzw. nach dem Waffenstillstand von Andrussovo im Jahr 1667 und teilweise auch seit dem Chmielnicki-Aufstand von 1648 nicht mehr innerhalb den Grenzen der polnisch-litauische Adelsrepublik lagen, beschränkte sich zwar auf den Wegfall der osmanischen Dominanz über die Saporoger Sitsch, so verschob er doch das Zünglein der Wage, auf der sich in der Ukraine die Einflussbereiche Moskaus und Warschaus wogen, zugunsten Polens. Unter den Kosaken, die  unter russischem Protektorat lebten, wurden die Sympathien für Polen wieder wach. Vom linken Ufer des Dnepr, dessen Gebiete auf russischen Geheiß vom Hetman Samójłowicz (ukr. Samoylovych) regiert wurde, strömten kosakische Freiwillige, um seinen gegen die Türken kämpfenden Brüdern Entsatz zu leisten. Kunicki eroberte Niemirów nicht nur aufgrund des Wegfalls der „türkischen” Kosaken vom rechten Ufer, sondern auch dank der Unterstützung der „russischen” Kosaken aus der Linksufrigen Ukraine. Die Bewegung, die sich im Übertritt der Kosaken aus der russischen Herrschaft auf die polnische Seite äußerte, nahm bis Ende 1683 Ausmaße an, die Samójłowicz mit Angst erfüllten, der nach Moskau meldete, er sei nicht in der Lage, die Kosaken aufzuhalten, wurde auch in der Adelsrepublik mit großer Aufmerksamkeit verfolgt [1]. Die an den Zaren geleiteten Beschwerden konnten die Einstellung der Kosaken nicht ändern, die sich durch die Erfolge Sobieskis und die Hoffnungen auf die reiche Beute und Kriegsruhm, d.h. eine Chance auf den gesellschaftlichen Aufstieg, von Polen angezogen wurden. Somit stand auch der erste Hinweis auf die Möglichkeit, den Zustrom der Kosaken unter die Herrschaft des Hetmans des rechten Ufers aufzuhalten, mit seinen Niederlagen in Verbindung.

Der Grund für die Vermutung, die sechs Tausend Kosaken, die Samójłowicz verlassen hatten und sich über Łojów auf dem Weg zu Kunicki befanden, aufhalten zu können, war die Nachricht über die Niederlage des von Sobieski ernannten Hetman in Moldau im Winter 1684[2].  Jedoch vom Aufhalten der Kosaken vor dem Übertritt auf die „polnische” Seite des Dnepr und gleichzeitig auch zu der polnischen Option der Politik konnte in diesem Zeitpunkt keine Rede sein: nach der ersten Niederlage der Kosaken in diesem Krieg kam es erneut zu Erfolgen, Hetman Kunicki wurde durch seinen Amtsnachfolger Mohyła ersetzt. Der Zustrom vom linken auf das rechte Dneprufer war in den Jahren 1684-1685 so stark, dass Samójłowicz sogar Wachposten am Fluss aufstellen musste, um die Flüchtlinge abzufangen, wodurch sich allerdings das Problem nicht lösen ließ. Auf Samójłowicz Anordnung wurden auf das rechte Ufer Agenten geschickt, um Unruhen unter den Kosaken zu stiften, es gelang ihnen sogar, mehrere Tausend von ihnen zur Rückkehr bzw. zum Übertritt in den Saporoger Teil zu bewegen, dies konnte allerdings die gesamte Bewegung nicht aufhalten, denn anstelle der Rückkehrer flohen andere Kosaken zu Mohyła[3]. Es besteht kein Zweifel, dass innerhalb  von drei Jahren nach dem Sieg der Truppen der antitürkischen Koalition im September und Oktober 1683 eine starke Tendenz der Kosaken zum Übertritt von der russischen in die polnische Herrschaft verzeichnet wurde. Wegen der Eigenart der kosakischen Population und der „Vorliebe” der Quellen zu Übertreibungen lässt sich die Anzahl der Kosakenbrüder, welche die zaristische Obermacht zugunsten der königlichen wechselten, schwer ermitteln, sie sind allerdings auf mehrere Tausend zu schätzen.

Die Haltung der Kosaken vom linken Dneprufer angesichts der Entwicklungen auf der gegenüberliegenden Flussseite stellte für Moskau ein ernstes politisches  Problem dar. Die Flucht der Semenen bedeute nicht nur die Reduzierung der dem Zaren untergebenen Kosakentruppen, sondern ging auch mit der Erschütterung der russischen Einflüsse in der Ukraine einher. Die Apostasie auf die polnische Seite oder gar solche Absichten galten aus der Sicht des Kreml als Verrat, den man mit allen Mitteln zu verhindern versuchte. Zwischen 1683 und 1684 wurde auf dem Linken Ufer der Oberst des Poltaver Regiments der zum Kunickis Lager wechseln wollte, hingerichtet; einige Monate später deckte Samójłowicz die Pläne des Anführers des Perejaslawer Regiments auf, der sich Mohyła, dem neuen Hetman des rechten Ufers anzuschließen beabsichtigte, dieser wurde festgenommen und in Gefangenschaft nach Moskau geschickt [4].

Diese Vorfälle lassen sich nicht nur als ein deutlicher Beweis für die Destabilisierung der unter russischem Protektorat befindlichen Linksufrigen Ukraine heranziehen, sondern auch für das Schwanken der Macht des von Moskau eingesetzten Kosakenhetman und in diesem Sinne auch der Macht der Großfürsten von Moskaus, die zwar bereits damals den Titel des Zaren von ganz Russland benutzten, sich jedoch Mitte der 80er Jahren des  17. Jh. auf den frisch der Adelsrepublik entrissenen historischen Gebieten des Kiewer Rus keinesfalls sicher fühlen konnten. Die Lage in der Ukraine war als Druckmittel Polens auf Russland während der in Andrussovo und in Moskau geführten Verhandlungen von Bedeutung. Für Russland war die Neutralität gegenüber dem neuen Konflikt adäquat mit dem schwindenden Einfluss unter den Kosaken, wodurch es auch für die russische Diplomatie zunehmend schwieriger wurde, die für Sobieski so wichtige Entscheidung, Russlands Beitritt in die antitürkische Liga weiterhin zu verschieben. Man darf allerdings den Wert der „kosakischen” Erpressung nicht überbewerten, sie war nicht gleichzusetzen mit dem Druck, den die russische Drohung bezüglich des Abbruchs der Verhandlungen auf die Polen ausübte, jedoch in den Gesprächen war sie gewiss einer der wenigen Trümpfe der in den Krieg verwickelten Adelsrepublik. Jeder Aspekt, der die Lage einer der Seiten verbesserte, war wichtig in diesem Spiel, mit dem die beiden Staaten die Verständigung erzielen wollten und dabei hartnäckig selbst um die geringsten Bedingungen feilschten. Die polnische Diplomatie erhielt um die Mitte der 80er Jahre Unterstützung durch die politischen Erfolge Sobieskis auf beiden Ufern des Dnepr.


[1] Brief Marcjan Ogińskis an Benedykt Sapieha, Kadzyń, 28.01.1684. In: Listy z czasów Jana III i Augusta II, [ Briefe der Epoche Johanns III. und Augusts II.] Hg. von W. Skrzydyłka, Kraków 1870, S. 32.

[2] Brief Marcjan Ogińskis an Benedykt Sapieha, Kadzyń, ca. 11.02.1684. In: Listy ..., S. 35 – 36.

[3] D. Doroszenko, Naris istorii Ukraini, Bd. II, Warszawa 1933, S. 101 ff.

[4] Brief Marcjan Ogińskis an Benedykt Sapieha,, Kadzyń, 28.01.1684 In: Listy ..., S. 32; D. Doroszenko, op. cit., S. 102.